Durch Deutschland weht ein Hauch von Obama. Jedenfalls suggerieren das zahl- reiche Medien in diesen Tagen, wenn sie von Özdemir und den Grünen berichten. Zwar wird mit Özdemir noch nicht der erste Migrant Bundeskanzler. Doch immerhin soll er am Samstag im thüringischen Erfurt zum Parteichef der Grünen gewählt werden. Das ist ein Novum in der deutschen Parteien- landschaft.
Dennoch halten sich vor der Wahl Skepsis und Zustimmung die Waage. Özdemir hatte anfangs einen Gegenkandidaten, der sich dann aber aus familiären Gründen zurück- gezogen hat. Während seiner Kan- didatur sorgte er mit einer umstrittenen Aussage innerparteiliche Aufregung. Er sprach sich für den Neubau von Kohle- kraftwerken aus, was der offiziellen Parteilinie diametral zuwiderläuft. Özdemir musste zurückrudern.
Dann holte er sich eine Niederlage, als er in seiner Heimat Baden-Württemberg versu- chte, einen sicheren Listenplatz für die nächste Bundestagswahl zu ergattern. Bei den Grünen aber gilt, dass von den beiden Parteichefs nur einer ein Mandat haben darf. Das ist derzeit die zum linken Flügel zählende Claudia Roth. So hatte der Realo Özdemir Pech.
Özdemir kam 1994 erstmals in den Bundes- tag und machte sich schnell als Innen- politiker einen Namen. 2002 wurde seine Karriere radikal beendet nach einer Affäre um privat genutzte Bonusmeilen der Lufthansa sowie wegen eines Kredites durch den PR-Berater Moritz Hunzinger. Özdemir wechselte vorübergehend ins Europaparlament.
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Wie bei den anderen beiden kleinen Op- positionsparteien geht es auch bei den Grünen derzeit aufwärts. Die Mitgliederzahl ist auf 45.000 angewachsen. Die letzte Umfrage bescheinigte der Partei keinen Verlust nach dem Ypsilanti-Debakel. Und die Proteste gegen den Castor-Transport am letzten Wochenende scheinen der Partei neue Höhenflüge zu bescheren. So viele Demon- stranten hat es lange nicht gegeben. Zumindest am Wochenende gab es ein Comeback für die Anti-Atomkraft-Bewegung.
Mit dabei war auch Özdemir, der jedoch nach Aussage vieler eher wie ein Fremdkörper wirkte. In der Vergangenheit war Özdemir auch eher in Talk-Shows als bei Sit-ins auf- gefallen. Als Bundestagsabgeordneter war er sich nicht zu schade, als Model zu posieren: „Da ich einen schlanken Körper habe, trage ich jetzt Maßanzüge.
Özdemir steht jedoch auch für eine offenere Ausrichtung der Ökopartei. Er gehörte in Bonn der so genannten Pizza-Connection an, einer Gruppe junger Abgeordneter aus allen Parteien. Anders etwa als der frühere heimliche Parteichef Joschka Fischer hat Özdemir weniger Berührungsängste gegen- über der CDU: „Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb auf die SPD angewiesen, wir machen es fest an Inhalten.“
Die erste schwarz-grüne Koalition auf Landesebene gibt es allerdings schon: in Hamburg. Aber auch in Hessen gehören die knallharten Töne zwischen CDU und Grünen inzwischen der Vergangenheit an. |