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Gegenwart ist Vergangenheit - Gedenkstätte Sonnenstein
28.10.2010
Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein
Sonnenstein - Sonne und Licht - Euphorie und Lebensfreude. ευθανασία - Euthanasie - der schöne Tod! Das Gegensatzpaar steht bis heute für Pirna, die Stadt an der Elbe mit ihrer imposanten Schlossfestung Sonnenstein. Die Kleinstadt wird seit Jahren mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement der „Aktion Zivilcourage“ gegen (Rechts-)Extremismus in Verbindung gebracht. Deren Botschaft findet überregional Widerhall, insbesondere angesichts einer etablierten rechtsextremen Szene. Eher zögerlich dringt hingegen in das öffentliche Bewusstsein, dass die Stadt auch historisch schwer an den Folgen nationalsozialistischer Ideologie zu tragen hat: Die einst anerkannte Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein war zu NS-Zeiten eine von sechs so genannten „Euthanasie“-Anstalten in Deutschland, die unter dem bekannten Tarnnamen „Aktion T 4“ zwischen 1940 bis 1941 den Mord an Kranken in Gaskammern organisierte und durchführte.

Hauptsächlich der internationalen Ausstellung „Tödliche Medizin: Rassenwahn im Nationalsozialismus“ (http://www.dhmd.de/neu/index.php?id=1151) im Hygienemuseum Dresden war es zu verdanken, dass dieses Thema überhaupt stärker in den Blickpunkt der Dresdner und überregionalen Öffentlichkeit rückte. Bereits seit 2000 gibt eine am Ort des grausamen Geschehens bestehende Ausstellung beredtes Zeugnis über dessen ambivalente Geschichte (www.pirna-sonnenstein.de). Friedlicher Ort des Grauens
Friedlicher Ort des Grauens

In der Ausstellung wird bereits deutlich, dass „Rassenhygiene“ keine Erfindung der Nationalsozialisten gewesen war. Vielmehr waren sie es, die diffuse utilitaristisch-biologistische Überlegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem perfiden Rassenwahn trieben. Die Psychiater Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding formulierten diese Gedanken bereits 1920 in ihrer Schrift für eine „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Deren radikale Forderungen wurden zum damaligen Zeitpunkt noch größtenteils abgelehnt. Hingegen bildeten nur wenige Jahre später ebendiese Ansätze den geistig-ideologischen Hintergrund für eine menschenverachtende und vernichtende Politik der Nationalsozialisten gegenüber Behinderten.

Bis zum Herbst 1939 wurde das auch damals schon umstrittene Gedankengut maßgeblich durch die Direktoren der seinerzeit renommierten und reformorientierten Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein kultiviert und propagiert. Der ideologische Boden war damit schon früh bereitet. Ab Frühjahr 1940 wurde dann mit der Einrichtung einer Tötungsanstalt („Euthanasie-Anstalt“) gezielt die grausame Umsetzung organisiert.
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