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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es eines Juristen bedurft hat, um die erste ernstzunehmende Überblicksdarstellung der Massenvergewaltigungen auf den Markt zu bringen. Denn von Münch leistet nichts anderes als eine Zusammenfassung der bestehenden Erkenntnisse. Er setzt die existierenden Mosaiksteine aus der historischen Forschung zu einem Gesamtbild zusammen, wertet, strukturiert und ordnet das bisher Bekannte. Der Autor arbeitet mit hinlänglich bekannten Quellen und zitiert vielfach Zitiertes. Primärforschung hat von Münch für sein Werk nicht betrieben. Insofern produziert er keinerlei neue Forschungserkenntnisse, sondern bereitet die Bahn für weitere Publikationen zum Thema.
Die Konzentration auf wenige Hauptaussagen ist Stärke wie Schwäche von „Frau, komm!“. Der Autor verliert sich so sehr in der anhaltend breiten Wiedergabe zeitgenössischer Stimmen zu den Vergewaltigungen, dass er selten mehr leistet als reine Zitation und Deskription. Der Autor ruft so laut danach, das Leiden der Opfer wahrzunehmen, dass er die zwingend notwendige und überfällig Quellenkritik unterlässt. Und er betont das Schweigen über die Vergewaltigungen so häufig, dass ihre Instrumentalisierung im Kalten Krieg völlig unbeachtet bleibt. Das alles ist vor allem dann problematisch, wenn von Münch zu nonchalant über die wichtigen bestehenden Zweifel an den bisher vorliegenden Quellen hinweggeht. Der Jurist urteilt hier zu vorschnell, wenig kenntnisreich und wildert sichtbar auf unbekanntem Terrain. Das schadet manches Mal der wohltuenden Nüchternheit seines Buches. |
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Es ist jedoch müßig, einen Juristen dafür zu schelten, als Historiker ungenügend gearbeitet zu haben. Denn von Münch setzt sich wohltuend von den bisherigen populärwissenschaftlichen Darstellungen der Vergewaltigungen ab. Er nutzt die Geschehnisse nicht für die Propagierung eines ideologisierten Geschichtsbildes, sondern beschränkt sich auf die Betonung der Relevanz des Themas. Er sammelt das bisher Bestehende, um einer breiten, seriösen Debatte über die Massenvergewaltigungen das Feld zu bereiten. Das ist ehrenwert und sollte den Historikern in den deutschen Universitäten die Schamesröte ins Gesicht treiben. Vielleicht verstehen sie von Münchs Buch ja als Weckruf, sich ohne Scheuklappen ihren Aufgaben zu stellen. Zu hoffen ist es. Denn es ist dringend an der Zeit, dem rechten Rand die Diskussion über die sowjetischen Verbrechen gegen deutsche Zivilisten zu entreißen. Nur so kann man die in den letzten Jahren begonnene Debatte offen, nuanciert und kritisch fortführen.
Ingo von Münch
„Frau, komm!“
Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45
Ares Verlag, Zürich, 2009
EUR 19,90
Hanno Burmester hat 2008/2009 eine Magisterarbeit zu den sowjetischen Massenvergewaltigungen verfasst. 2010 veröffentlicht er in der Schwarzen Reihe des Fischer Verlags einen Aufsatz zum Thema. |
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