Peer Steinbrücks „Unterm Strich“ ist im letzten Jahr erschienen. Doch vor dem Hintergrund der Diskussion um eine mögliche Kanzlerkandidatur Steinbrücks lohnt die Lektüre einmal mehr - und dürfte manchen Genossen überraschende Einblicke gewähren.
In seinem Buch vermittelt Peer Steinbrück, ehemaliger Regierungschef in Nordrhein-Westfalen und Bundesfinanzminister in der großen Koalition von 2005 bis 2009, ökonomische Zusammenhänge auf eine Art und Weise, die auch Leser ohne ein Volkswirtschaftsstudium nachvollziehen können. Er beschreibt beispielhaft und leicht verständlich, warum beispielsweise das ökonomische Ungleichgewicht zwischen den USA und der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China sowie der wirtschaftliche Aufstieg anderer Staaten wie Brasilien, Russland oder Indien nicht ohne Auswirkungen auf die globale Machtarchitektur bleiben wird.
Doch das 468 Seiten-Werk ist weit mehr als ein Ökonomielehrbuch für Einsteiger, es ist ein politisches Statement, getragen von persönlichen Erfahrungen, Tiefgang und spürbarer politischer Leidenschaft.
Sozialer Sprengstoff
Anhand verschiedener Politikfelder beschreibt Steinbrück, warum der deutsche Sozialstaat in seiner aktuellen Verfassung soziale Verwerfungen hervorbringt und diese eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeuten. Er verweist darauf, dass die Vermögens- und Einkommensschere in den letzten Jahrzehnten in keinem anderen europäischen Land so stark auseinander gegangen ist wie in Deutschland und spricht sich für eine stärkere Lohnentwicklung in den unteren und mittleren Einkommensklassen aus. |
Zugleich macht er sich für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns stark. Hierbei argumentiert Steinbrück auch, aber eben nicht nur aus einer moralischen Perspektive, die eine Besserstellung der "kleinen Leute" per se fordert, sondern begründet seine Forderungen aus ökonomischer Perspektive.
Darüber hinaus macht sich der ehemalige Finanzminister für eine Verbesserung der Bildungschancen insbesondere für sozial Schwache und die viel zitierten „bildungsfernen Schichten“ stark. Dies ist für ihn eine zentrale Säule des zukünftigen Wohlstands in unserem Land.
Entfesselte Finanzmärkte und Elitenversagen
Einen Teil des Buches nimmt natürlich auch die Darstellung der Finanzmarkt- und Bankenkrise seit 2007 ein. Neben interessanten Erläuterungen der Abläufe erfährt der Leser Steinbrücks Schlussfolgerungen, die selbst unter SPD-Linken stürmischen Beifall ernten müssten: So sieht der bisher eher dem ausschließlich wirtschaftsliberalem Flügel der SPD zugeordnete Politiker die Notwendigkeit einer Steuer in Höhe von 0,1 Prozent auf jede Finanzmarkttransaktion. Zudem schlägt er ein Regulierungsregime und Transparenzregeln für den Finanzmarkt vor, die jedem Hedgefond-Manager die Zornesröte ins Gesicht treiben ließen.
Auf erstaunlich offene und erfrischende Art und Weise attestiert Steinbrück der Banken- und Finanzelite Verachtung für die Politik und Ignoranz gegenüber den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns. Aus seiner Sicht muss „dem Blick auf das ´Präkariat` einmal der Blick auf soziale Deformationen in den oberen Etagen der Gesellschaft entgegengehalten werden.“ |