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Jörg Fauser - Rohstoff
11.09.2011
Der Denker in der versifften Kneipe
Haben Sie sich schonmal gefragt, wie sich das Trinken in einer ollen Eckneipe anfühlt? Und zwar in der Haut eines, der dort auch reinpasst. Kein Yuppie-Unterschichtentourist, kein curious fucking student. Einer, der dort jede Woche sitzt, der das braucht und so oft sein Lohn oder was er auch immer zu Leben bekommt es zulässt oder auch darüber hinaus.
Nein? Nun, dann verabschieden wir uns jetzt. Lassen sie sich ihren Sex on the beach schmecken. Allen anderen, die schon mal etwas von Gestalten wie Herrn Lehmann und Konsorten gehört haben: ein heiseres Willkommen am Tresen.

Jörg Fauser hat ein Buch geschrieben, dass nur hauchdünn an einer Biographie vorbeischrammt. Harry Gelb erlebt das Leben von Jörg Fauser. Wir steigen in Istanbul ein, eine dreckige Dachgeschosswohnung, Harry/Jörg auf Opiumsucht mit seinem verrückten Kumpel, der in seinem Rausch Bilder malt und irgendwann so dünne Finger hat wie seine Pinsel dick sind. Eine drogenschwere Märchenwelt. Irgendwann ist das zum Glück vorbei. Der Rest spielt in Frankfurt/Main, etwas West-Deutschland und West-Berlin. Was folgt ist nicht schön, aber auf überrraschende Weise fesselnd. Harry will Schriftsteller werden, schon in Istanbul. Er eiert von Verlag zu Verlag, von Frau zu Frau, von Sucht zu Sucht. Alles ist irgendwie verschwitzt in Fausers Welt, nie geht es mal wirklich grün. Aber irgendwie passt
das auch nicht zu ihm. Es geht auch nicht ums nie schaffen, sondern darum einen Weg zu beschreiten, der eben inmitten ziemlich viel Dreck liegt. Schriftsteller werden. Aber erstmal Nachtwächter sein müssen.
Irgendwann, nach einer Reihe von kleinen Geschichten, kommt er zu Hause an. Zu Hause heißt, in der Kneipe. Das "schmale Handtuch" ist Refugium Fausers und Leuten wie ihm. Mit dem einen Unterschied, dass Fauser darüber schreiben kann. Durch seine Augen sieht man das Leben, was man sonst nur durch schmutzige Scheiben in der Kneipe kennt. Und das ist besonders.
Was einem erst spät im Buch klar wird, Fauser zeigt die Lebenslinien unter der schmutzigen Schicht dieser Leben. Damit wir uns nicht falsch verstehen, es ist kein Buch über ein Leben als Verlierer. Sondern ein Buch über ein Leben was viele so nicht kennen dürften. Da sind dann auch langweilige Passagen dabei, keine Frage. Macht aber nichts. Man taucht ein in eine andere Welt, das ist doch was. Und da Werke meiner Meinung nach erst dann gut werden, wenn auch das Ende stimmig ist: Rohstoff hat so eins. Aber lesen Sie es doch vielleicht selbst.
Alexander KlatteAlexander Klatte, klatte@tagesblick.de
Journalist
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