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Bei den Winterspielen im kanadischen Vancouver ringt derzeit die Jugend der Welt um Gold, Silber und Bronze. Bei den Sommerspielen 1972 in München hat Otl Aicher den Sportlern den Weg gewiesen. Der in Ulm geborene Designer hatte die Piktogramme für alle Sportarten gestaltet. Auch das Design der Lufthansa oder des ZDF hat der Schwager der Geschwister Scholl, entworfen. Das Ulmer Museum zeigt in seiner aktuellen Ausstellung mit dem Titel „Das Risiko modern zu denken“ einen Bilderbogen von Otl Aicher über Wilhelm von Ockham.
Otl Aicher und Wilhelm von Ockham, der moderne Designer und der mittelalterliche Philosoph passen gut zueinander. Es gibt vieles, das den Mitbegründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung und den Franziskanermönch verbindet. Etwa die Idee, dass Einfaches gut ist. „Ockhams Rasiermesser“ ist als Metapher für das Sparsamkeitsprinzip in den Wissenschaften in die Philosophiegeschichte eingegangen. Gibt es mehrere Theorien für einen Sachverhalt, soll man die einfachste wählen. Alle anderen werden wegrasiert.
Der Mathematiker William Rowan Hamilton nennte diesen Grundsatz im 19. Jahrhundert „Ockhams Rasiermesser“, da der Franziskanermönch dieses Prinzip in seinen Texten angewendet hat, erklärt Dagmar Rinker, die Kuratorin der Ausstellung. „Da sind wir dann bei Otl Aicher. Er wendet genau dieses Prinzip in seiner Gestaltung an. Betrachtet man seine Entwürfe, dann erkennt man: Er reduziert, reduziert, reduziert.“
Mit rasiermesserscharfen Klingen haben Otl Aicher und seine Mitarbeiterinnen die farbigen Papierstücke für die 30 großen Bildtafeln in der Ausstellung ausgeschnitten. Fugenlos und handwerklich perfekt sind die Collageelemente aneinandergefügt. Bis zu 18 verschiedene und faszinierende Farben verwendet Aicher in jedem einzelnen Werk - es sind wahre Farblandschaften.
Sie schildern wichtige Stationen im Leben des Wilhelm von Ockham. Er wird um 1285 südwestlich von London geboren und tritt in jungen Jahren dem Franziskanerorden bei. Weil Ockham den verschwenderisch lebenden Papst als Ketzer bezeichnet und die Trennung von Kirche und Staat fordert, gerät er ins Visier der Inquisition. |
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Papst Johannes der XXII. zitiert Ockham vor das päpstliche Gericht in Avignon. Vor dem Hintergrund des damaligen Armutsstreits spitzt sich der Konflikt zwischen dem Franziskanerorden und dem Papst zu. Kaiser Ludwig IV., der Bayer, holt den exkommunizierten Ockham nach München. Im Franziskanerkloster nahe der kaiserlichen Residenz arbeitet er bis zu seinem Tod an seinen theologisch-philosophischen Schriften.
Ockhams Leben und sein philosophisches Werk werden zum Vorbild für die Figur des Franziskanermönchs William von Baskerville in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. Otl Aicher hat sich schon früh mit Philosophie befasst. In seiner Jugend liest er die Scholastiker. 1986 bekommt der Grafiker den Auftrag, eine Ausstellung zu Ockhams für die Müncher Rückversicherung zu gestalten, die ihren Firmensitz in der Nähe der Occamstraße hat.
Der moderne Designer greift für seine Papiercollagen auf Gestaltungsprinzipien des Mittelalters zurück, etwa die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse. „Die Menschen im Mittelalter konnten selten lesen. Deshalb sind in einem Bild verschiedene Geschehnisse oft gleichzeitig zu sehen. So wird eine Geschichte erzählt“, erklärt Kuratorin Dagmar Rinker, die Chefin des HfG-Archivs in Ulm, aus dem die Ausstellungstafeln stammen. Auch die Figuren Aichers ähneln mittelalterlichen Darstellungen. Sie sind stilisiert und holzschnittartig, ohne Eigenheiten dargestellt.
„Das Risiko, modern zu denken“ ist eine historische Ausstellung ohne jedes historische Dokument. Faszinierend in ihrer Farbigkeit, ihrer Klarheit und ihrem Brückenschlag vom frühen 14. ins 20. Jahrhundert. Die gut verständlichen und hilfreichen Texte zu den Bildern vom Philosophen Wilhelm Vossenkuhl erleichtern und bereichern den Weg durch die Schau. Der Designer Otl Aicher, der 1991 an den Folgen eines Unfalls starb und der Philosoph Wilhelm von Ockham passen gut zueinander und laden den Ausstellungsbesucher dazu ein, tiefer einzutauchen in die Welt der Philosophie.
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