Es handelt sich um das größte Großprojekt Deutschlands. Der Ausbau des Berliner Flughafens Schönefeld zum Hauptstadt-Airport kostet vergleichsweise läppische 2,5 Milliarden Euro. Diese Zahl hat man in Stuttgart längst hinter sich gelassen. Derzeit wird das Mammutprojekt auf mindestens 4,1 Milliarden geschätzt. Experten rechnen jedoch damit, dass am Ende durchaus eine zweistellige Summe herauskommen könnte.
Zu den Baukosten für die Verlegung des Sackbahnhofs unter die Erde kommt noch der Ausbau der Schienenstrecke bis Ulm. Damit sich die Fahrtzeit um etwa die Hälfte verkürzt, sind weitere drei Milliarden Euro erforderlich. Ohne diesen Neubau wäre das ganze Projekt jedoch sinnlos, da der unterirdische Bahnhof auf der einen Seite sonst in einem Tunnel ohne Ausgang enden würde.
Der massive Protest, der jetzt eingesetzt hat, kommt etwas überraschend. Denn das Projekt geht in die frühen 90-er Jahre zurück und hat inzwischen alle demokratische Hürden genommen. Dennoch sind laut einer Umfrage der „Schwäbischen Zeitung“ nur acht Prozent der Stuttgarter dafür. Von den insgesamt 600.000 Stuttgartern gehen inzwischen über 10.000 regelmäßig auf die Straße. Mittlerweile gab es auch schon gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Warum die Menschen aber in derartigen Größenordnungen protestieren, lässt sich nicht in wenigen Worten erklären. Das Protestpotenzial umfasst eine schwer zu fassende Mischung |
aus Linken, Hartz-IV-Empfängern, Gewerkschaftern, Kulturschaffenden und Besserverdienenden. Aber auch die Grünen sind dabei und profitieren am meisten. Nicht wenige erwarten, dass bei der nächsten Bürgermeisterwahl 2012 ein Grüner das Rennen machen wird.
Die Umbaugegner argumentieren nicht nur mit den enormen Kosten, sondern auch mit der dann angeblich sinkenden Qualität für die Reisenden. Sie plädieren stattdessen für die Renovierung des bestehenden Bahnhofs, was mit gut drei Milliarden Euro allerdings auch nicht wesentlich billiger käme. Im weiteren wird das Bahnhofsgebäude als architektonisch wertvoll und erhaltenswert beschrieben. Dabei wird das unter Denkmalschutz stehende Gebäude gar nicht komplett abgerissen, sondern lediglich zwei weniger prominente Flügel. Auch das Fällen von 283 Bäumen im benachbarten Park gilt den Gegnern als unverzeihlicher Frevel. Dabei werden danach 5.000 neue Bäume gepflanzt.
Schützenhilfe haben die Gegner jetzt durch ein Gutachten des Umweltbundesamtes erhalten. Danach stehen sowohl der geplante Bahnhofsumbau als auch der Neubau der Bahnstrecke „in keinem Verhältnis zum geringen verkehrlichen Nutzen.“ Denn die Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm tauge nicht für Güterzüge. Doch gerade im Güterverkehr kann die Bahn mit Zuwächsen rechnen. Bemängelt wird zudem, dass die Bahn zwar ihre ICE-Strecken ausgebaut, den Nahverkehr aber vernachlässigt habe. Ausgezahlt hätten sich die Investitionen in den Fernverkehr indes nicht. |