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In den Augen der anderen
17.06.2011
Kachelmann kämpft um seinen Ruf und setzt Maßtäbe
Das Urteil im Kachelmann-Prozess ist kein Schlussstrich. Der Freispruch schlägt vielmehr ein neues Kapitel im Streit um Recht und Unrecht auf. Und Jörg Kachelmann hat sich vorgenommen, an diesem Kapitel kräftig mitzuschreiben. Interviews in der Wochenzeitung „ Die Zeit“ und im Schweizerischen „Wochenblatt“ sind dabei nur die zunächst deutlichsten Kampfansagen. Gleichzeitig leistet er echte Kernerarbeit an der Basis, ist parallel auf Twitter und in Blogs unterwegs. Der ehemalige Wettermoderator steht nach seinem Freispruch nämlich vor einem Problem, dass viele Ex-Angeklagte haben. Die gerichtlich festgestellte Unschuld ist kaum etwas wert, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Deswegen bemüht sich Kachelmann intensiv darum, sein Bild in der Öffentlichkeit wieder gerade zu rücken.

Web 2.0 aus dem Lehrbuch

Das Arsenal, was er dafür nutzt, ist durchaus beeindruckend. Seinem Twitter-Account folgen 8500 Personen. Neben Wetternachrichten veröffentlicht er dort Bilder von Paparazzi, lästert über Hubert Burda Medien oder weist auf Artikel zu seinem Thema hin. Fast wie im Web 2.0-Kommunikationslehrbuch antwortet er auch auf Tweets und nutzt seinen Account damit zum Gespräch. Nebenbei betätigt er sich noch in seinem Kerngeschäft, den Wetternachrichten. Diese Mischung aus Geschäftlichem und Privaten lässt fast vergessen, dass hier ein Profi am Werk ist. Vorbilder für eine solche Strategie gibt es längst.

Martha Stewart, Inhaberin des US-Medienimperiums „Martha Stewart Living Omnimedia“, wurde 2003 wegen Insiderhandels angeklagt und schließlich verurteilt. Ihre Amerika-weite Bekanntheit als „Beste Hausfrau Amerikas“ hat sie mit verschiedenen Fernsehsendungen und Publikationen im Hauswirtschaftsbereich erlangt. Entsprechend groß war die Resonanz in der Presse. Am Tag der Anklageerhebung schaltete sie die Website www.marthatalks.com, wo sie neben Rezepten und Putztipps auch über ihren Fall berichtete. Diese Strategie ermöglichte es ihr nach ihrer Verurteilung eine erfolgreiche und anerkannte Geschäftsfrau zu bleiben. Alleine ist so etwas nicht zu schaffen, Anwälte arbeiten hier eng mit PR-Agenturen zusammen.
Das Netzgeschehen zu jeder Minute im Blick

Auch die Aktivitäten von Kachelmann zeigen immer wieder, wie gut er über die Vorgänge im Netz und seine vermeintlichen Gegner informiert ist. Als er am 7. Juni auf seinem Twitter-Account über einen gewissen Ehrensenator schreibt und ihn der Zensur beschuldigt, gemeint war Hubert Burda, war der erst wenige Tage zuvor von der Heidelberger Hochschule für jüdische Studien mit diesem Titel ausgezeichnet worden. Auch im Umgang mit Blogs ist Schnelligkeit seine Stärke. Der Blogger Stefan Niggemeier gab eine Anekdote über die journalistischen Methoden der Bunte-Chefredakteurin Tanja May zum Besten und nahm dabei Bezug auf einen Tweet von Kachelmann. Dieser kommentiert nur 61 Minuten nachdem die Geschichte online gegangen war. Eine enorme Leistung, wenn man bedenkt, wie intensiv in verschiedensten Blogs auch an diesem Tag noch berichtet wurde.

Doch geht Kachelmann nicht nur den Weg der direkten Ansprache. Er kämpft auch mit harten Bandagen gegen Medien, die ihm vermeintlich Böses wollen. Der „Zeit“ sagte er wörtlich: „Ich werde die Behauptung nicht auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll. […] Zivil- und strafrechtlich werde ich versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben.“ Wer über ihn schreibt, muss also auch künftig damit rechnen sehr genau von Medienanwälten gelesen zu werden, die im Zweifel dann Leserbriefe in Form von Abmahnungen schicken.

Der Beginn einer Kampagne

Es wirkt fast so, als sei sein Vorgehen nur der Beginn einer Kampagne in eigener Sache. Eine Website www.kachelmannspricht.de fehlt noch. Sie ist heute, wo sich die meiste Internetaktivität in Plattformen sozialer Medien verlagert, aber auch nicht mehr notwendig. Auf Facebook ist Kachelmann mit eigenen Fanseiten im Übrigen gut vertreten und seine Botschaften fallen auf fruchtbaren Boden. Das zeigt eine Studie der Firma Ethority, die sich mit dem Echo des Freispruchs auf den verschiedenen Internetplattformen beschäftigt. Das war überwiegend neutral bis positiv gewesen. Allein auf Facebook, Twitter und Blogs wurden laut der Studie knapp eine Millionen Menschen erreicht. Eine eigene Website hätte das wohl kaum geschafft.

Es wird sich zeigen, ob sich seine Chancen in absehbarer Zeit auf den Bildschirm zurückzukehren, dadurch verbessern. Wer aber glaubt, dass Kachelmann nur um sich schlägt und eine verbissene Privatfehde gegen Nebenklägerinnen führt, liegt falsch. Hier weiß einer, was er tut.
Christopher HaussChristopher Hauss, hauss@tagesblick.de
Journalist
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