Die uneinnehmbare Festung
1437. Der Hundertjährige Krieg wütet zwi- schen Frankreich und England. Soldaten Heinrichs VI. von England haben sich erneut auf der Tombelaine genannten Meeres- erhebung, 3 km vor der Küste der Normandie stationiert. Seit Stunden steht der Mont Saint-Michel unter Artilleriebeschuss. Der Klo- sterberg, insbesondere die Siedlungen, haben schweren Schaden genommen. Als die Befestigungsmauer endlich Risse zeigt, greifen die Engländer an. Die in der Unterzahl verteidigenden Franzosen wehren sich erbittert. Die Zeit ist auf ihrer Seite. Victor Hugo formulierte einst, "das Meer steige schnell gleich einem Pferde im Galopp". Tatsächlich sind die Gezeiten in dieser Region sehr ausgeprägt, die Flut erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu einem Meter pro Sekunde. Die englischen Angreifer stehen mit ihren schweren Rüstungen bald tief im Salzwasser. Ihre Kanonen versinken im Meer. Einmal mehr hat die Flut die Bewohner des Monts gerettet, über den der Erzengel Michael wacht.
Ein Erzengel braucht Geduld
Eines Nachts erschien der Erzengel Michael dem Bischof von Avranches im Traum. Der Anführer der himmlischen Heerscharen hatte den Bischof Auban auserkoren, dem Erzengel eine Kirche auf dem Mont - damals noch Mont Tombe - zu errichten. Die Felsgruppe vor dem normannischen Festland erhebt sich 80 Meter über den Meeresspiegel. Der Legende nach unterwarf der Erzengel auf der Insel in einem einwöchi- gen Kampf Satan in Gestalt eines Drachen. |
Aber Traum bleibt Traum und so konnte der Bischof sich am folgenden Morgen nicht an den nächtlichen Besuch der Prominenz erinnern. Der Erzengel erschien Auban also erneut, wiederholte sein Anliegen, aber auch diesmal fehlte dem Bischof am nächsten Tag jede Erinnerung. In der dritten Nacht zeichnete der Erzengel Michael den Bischof, indem er dem Schwerverständigen einen Finger an die Stirn setzte (Anm.: der Schädel mit dem Loch ist heute noch in der Stadt Avranches als Reliquie ausgestellt). Am nächsten Morgen begriff Auban beim Anblick des Mals die Wahrhaftigkeit des nächtlichen Besuchs und veranlasste noch im selben Jahr den Bau einer Kirche. Man schrieb das Jahr 708.
Japaner auf den Zinnen
Ziemlich genau 1300 Jahre später. Blitz- lichtgewitter. Auf der Westterrasse, die zu- gleich Aussichtsplattform ist, sirren die Fotoapparate. Japanische Touristen lehnen sich über die Burgmauer und werfen einen  Der Mont Saint-Michel im Oktober

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