Es scheint, als hätte die Schweizer Volks- partei mit der Minarettinitiative nur abklären wollen, wie offen das dunkle Herz der Schweizer für diffuse fremdenfeindliche Rhetorik ist. Denn vom Islam spricht die SVP längst nicht mehr. Die SVP versucht nun einen emotionalen Transfer zu vollziehen, die Angst vor dem Islam zu verteilen auf andere ausländerpolitische Kampagnen. Eine betrof- fene Gruppe dieses Aktionismus im Sie- gestaumel sind „die Deutschen“. Der antideutsche Diskurs wurde seit der erleichterten Einreise aus der EU durch die bilateralen Verträge von den Medien stark geschürt.
Online-Artikel zu „den Deutschen“ hatten jeweils hunderte von Leserkommentaren, in denen sich Schweizer über die Deutschen äusserten. Lange hat sich die SVP hier zurückgehalten, bis zum Frühling 2009 at- testierten sogar SVP-Grössen wie Christoph Mörgeli den Deutschen durchaus kulturelle Kompatibilität mit der Schweizer Volksmasse. Doch spätestens seit Peer Steinbrück im Steuerstreit im März 2009 den steuer- hinterziehenden Schweizer „Indianern“ mit der „Kavallerie“ gedroht hatte, zeigte sich ein Kurswechsel an.
Der christdemokratische Schweizer Abge- ordnete Thomas Müller sah sich im Nati- onalrat bemüssigt, Steinbrück, „in aller Offenheit“ als den neuen „hässlichen Deutschen“ der ihn an „jene Generation von Deutschen“ erinnere, „die vor 60 Jahren mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gassen gegangen sind.“ Damit wurde eine Deutschen-Bild bemüht, dem die Schweiz |
seit 1939 ihre Form des antifaschistischen Nationalismus verdankt: An der Landes- ausstellung 1939 in Zürich wurde erstmals jener nationale Abwehrkonsens ausfor- muliert, der jede fremdenfeindliche Abschottung als legitime Verteidigung des Eigenen und des Guten vor dem Aggressor ummäntelt.
Die nützliche Buhmannrolle Nazideutsch- lands wurde nach 1945 an die Kommu- nistische Internationale weiter- gereicht. Nachdem auch dieses Reich untergegangen war, übernahm ab 1989 die EU diese Rolle. Es mag bezeichnend sein, dass der Kriegsausbruch durch die Schweizer Armee auch 2009 wieder durch Paraden gefeiert wurde. Gegen Ende Dezember 2009 kehrte die SVP in ihrem Kampf gegen „Immer mehr ausländische Arroganz!“ mit der Angst vor den Deutschen an die Wurzeln der Schweizerischen Identitätsfindung zurück. In einem Inserat werden nicht nur kriminelle Ausländer, sondern auch „ausländische Ellbögler“ agesprochen:"Deutscher Filz macht sich breit. Denn Deutsche stellen vor allem Deutsche an - an der Uni und in den Spitälern." Illustriert ist das Inserat mit einem lachenden Peer Steinbrück, der von Bun- desrat Rudolf Merz angelächelt wird. „Die Deutschen“ sind wieder zum prototypischen Ausländer geworden.
In einer bisher beispielslosen Aktion haben über 200 Professoren und Professorinnen der Universität Zürich noch im Dezember ein Inserat veröffentlicht, in dem sie sich gegen die Form dieser Vorwürfe zur Wehr setzen |