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Wenn morgen die Bären vergeben werden, ist ein Film nicht dabei, obwohl er absolutes Bärenpotenzial hätte: "Son of Babylon“ von Mohamed Al-Daradji läuft, da keine Welt- premiere, im Panorama und leider nicht im Wettbewerb. Ein Weg in die deutschen Kinos wäre dem eindrucksvollen Film in jedem Falle sehr zu wünschen.
Eine verlassene Bergstraße im Norden des Irak. Zwei Wochen nach dem Sturz des Re- gimes von Saddam Hussein macht sich ein kleiner kurdischer Junge mit seiner Groß- mutter per Autostop in den Süden des Landes auf. Die beiden sind auf der Suche nach dem Vater des Jungen, von nach dem Golfkrieg 1991 von Saddams Republikani- schen Truppen inhaftiert wurde. Da die 'Dada' (Großmutter) nur Kurdisch spricht, ist der kleine Ahmed ihr Übersetzer und Helfer.
"Son of Babylon beginnt als harmloses Road- movie, bald jedoch führt die Straße mitten hinein in ein vom Krieg und Schreckens- herrschaft verwüstetes Land. In der Haupt- stadt herrscht Chaos, die Infrastruktur ist zusammengebrochen. Die Menschen sind traumatisiert und desorientiert, viele sind auf der Suche nach vermissten Angehörigen. Unter dramatischen Umständen erreichen Ahmed und seine Großmutter voller Hoffnung das Gefängnis, aus dem Ahmeds Vater ihnen die letzte Nachricht sandte. Dort ist er jedoch nicht mehr. Die alte Mutter gibt aber nicht auf, sie will ihren Soldatensohn finden. Die weiteren Stationen der beharrlichen Suche führen die beiden in die Hölle der Massengräber, die der Krieg zurückgelassen hat.
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"Son of Babylon“ ist trotz des tragischen Stof- fes voller Hoffnung und Menschlichkeit. Großmutter und Enkel verbindet eine tiefe Zuneigung, und die Suche schweißt sie noch mehr zusammen. Ahmed, der seit jeher Soldat werden wollte, entscheidet sich am Ende gegen diesen naiven Wunsch. Die Suche nach dem verlorenen Vater markiert für ihn das Ende der Kindheit und den Beginn einer ungewissen Zukunft.
Der irakische Regisseur Mohamed Al-Daradji schrieb und produzierte seinen eindringli- chen, bildgewaltigen Film, der vor allem in der zweiten Hälfte einer antiken Tragödie nahe kommt, mit kleinem Budget an Original- schauplätzen und besetzte ihn mit Laiendar- stellern, die ihren Figuren unnachahm- liche Intensität und Authentizität verleihen. Yasser Taleebs Ahmed schaut mit großen Augen in die Welt, ist frech und verspielt, aber auch einfühlsam, anhänglich und fürsorglich. Die Großmutter spielt, besser: verkörpert die Kurdin Shezada Hussen. Im wahren Leben' sagte sie als einzige Zeugin im Prozess gegen Saddam Hussein aus. Am Anfang des Filmes erlebt man ihre Filmfigur als herbe, verschrobene Hinterwäldlerin, durch die Sprachbarriere eine Fremde im eigenen Land. Dann entfaltet sich diese Figur, zeigt Würde, Weisheit und wahre tragische Größe. Ihr Leid ist das Leid vieler irakischer Mütter. In ihrem Schicksal manifestiert sich letztendlich das Leid von Sodatenmüttern auf der ganzen Welt und durch alle Zeiten. Noch lange nach dem Ende des Films sieht man Hussens markantes Gesicht und hört die verzweifelte Stimme, mit der sie nach ihrem toten Sohn ruft. Eine Stimme, die anklagt und gehört werden will.
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