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über die Brutalität hinwegtäuschen, die dort täglich erlebt wird. Man kann sich auch in der Geschichte verlieren, wie ein Bösewicht (Casper), ein gutes Herz hat und sich für Sayra opfert, um seinem frühen Tod doch einen Sinn zu geben. Denn auch ohne diesen Opfertod werden Gang-Mitglieder nicht alt. Sie entkommen der Mara niemals. "Mara für immer", ist dann auch der Schluß des Films, als Casper von seiner Gang getötet wird.

Was aber "Sin nombre" so einzigartig und sehenswert macht, ist, dass er eigentlich kein Spielfilm ist, sondern dass er für einen Tag ein Fenster in eine sehr reale Welt, in einen Alltag öffnet, der uns nur wie ein Spielfilm vorkommt, weil er so bunt und exotisch ist. Diese Alltag aber ist real; er passiert jeden Tag millionenfach. Er ist auch nicht bunt - nur elend. "Sin nombre" ist ein Film über Hoffnung und Flucht. Über die erbärmlichen Lebenbedingungen in Ländern wie Guatemala, Nicaragua oder Mexiko, die täglich Tausende von jungen Menschen vor die Frage stellt: Gehen oder bleiben?

Und jeder weiß: Von den illegalen Immi- granten schafft es nicht mal jeder Zehnte in die USA. Die anderen werden auf ihrem wochenlangen Weg auf dem Zugdach er- mordet, ausgeraubt, vergewaltigt, kommen unter die Räder, werden von der Polizei
gejagt und gefangen, oder sie sterben an der Grenze zu den USA, oder werden von den dortigen hochgerüsteten Grenzpatroullien abgefangen und zurückgeschickt. Und trotzdem ist Gehen besser als Bleiben.

Selbst die alte Großmutter von Sayra schickt ihre Enkelin lieber fort, in die USA, als sie ohne Perspektive in Guatemala leben zu lassen. "Sin nombre" ist das Erstlingswerk von Regisseur Cary Fukunaga. Es ist aber auch eine Fast-Dokumentation des mexi- kanischen oder guatemaltekischen Alltags, auch wenn der Schluß eher Hollywood und vorhersehbar ist. Sayra verliebt sich in Casper und er in sie - und dann stirbt er. Dennoch: Wer sich berühren lassen will, kann das - wer nachdenken will, auch. Was will man mehr?




Isabella PfaffIsabella Pfaff, pfaff@tagesblick.de
Journalistin
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