 |
Vier Wettbewerbstage sind vorbei, noch vier stehen bevor. So richtig vom Kinosessel ge- rissen hat die Kritikerschar im Berlinale-Pa- last bisher noch kein Film. Anstatt in Schwer- mut zu verfallen, verteilt unsere Kritikerin vom Dienst hier halbernst ein paar ganz per- sönliche Halbzeitpreise. Und der Halbbär geht an…
…Werner Herzog für "Die Höhle der ver- gessenen Träume“, Deine exklusive 3D- (Sondervor)Führung durch die Chauvet-Höhle im Ardèche-Tal. Da hätte ich mich nie hineingewagt, reingekommen wäre ich auch nicht, mit keiner Akkreditierung der Welt. In Deiner ruhigen Art und mit diesem unnachahmlichen trockenen Ton zeigst Du mir, was Du selbst nicht siehst. Diese so lebendig und heutig wirkenden 470 Tiere der über 30.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen treten bevorzugt paar- oder doppelpaarweise auf, alle in Bewegung. Der altsteinzeitliche Prototyp einer Prozessionsstraße, wie sie viel später in Luxor oder Babylon gebaut wurden, zum inneren Sanctum, zum letzten Höhlen- raum, aus dessen Decke eine mächtige Felsnadel in die Höhle hineinsticht. Am Ende dieser Felsspitze die einzige Darstellung einer menschlichen Figur in der gesamten Höhle, einer weiblichen Figur, empfängnis- und gebärbereit.
|
 |
Die Schöpfungskraft ist weiblich, das will uns der Höhlenmaler vielleicht sagen, der mit dem krummen kleinen Finger, der überall in der Höhle seinen ockerschattierten Hand- abdruck hinterlassen hat. Aber wieso eigentlich 'er'? Warum haben die ganzen Paläo- und sonstigen -logen, die im Film zu Wort kommen, einen Mann im Kopf? Kann ja genauso gut eine Frau gewesen sein. Da fällt mir irgendwie ein, dass es bei der Berlinale in punkto Frauenquote auch nicht so rosig aussieht. Aber es werden ja immer mehr, und wer weiß, in 33.000 Jahren sind wir vielleicht bei fünfzig Prozent.
…Vanessa Redgrave, die wunderbar gereifte Schauspielerin, aus Stein gemeiselt und vor innerer Kraft fast berstend. Ohne Dich kön- nten die Jungs aus "Coriolanus“ einpacken. Während Ralph (Fiennes) pumpt und pumpt, um als blutbesudelter antiker Voldemort die Shakespeare-Verse in die Welt hinauszu- drohen, Gerard (Butler) irgendwie ame- rikanisch-irisch vor sich hinnuschelt, formen Deine Lippen Volumnias Worte zu volu- minösen Monologen, bei denen Shakes- peare aus dem Grab springen würde, um atemlos zu lauschen wie wir alle im prall gefüllten Berlinale-Palast. Da capo!
|
 |