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Es gibt an diesem Abend viele Dinge, die einen überraschen können. Zuerst einmal die langen Schlangen vor der Ticketausgabe noch kurz vor Beginn des Films. Alphabetisch durchsortiert stellen sich die vielen Menschen in die Schlangen, zeigen ihre Einladungen vor und bekommen ihre Tickets. Es ist viertel vor Acht an einem sonnigen Mittwochabend am Potsdamer Platz in Berlin. Eigentlich sollte der Film um Acht Uhr beginnen, aber so eng wird das nicht gesehen. Nach und nach werden die langen Schlangen vor der Ticketausgabe kürzer.
Im Foyer des Kinos werden noch wichtige Filmleute von einer Scharf Fotografen abgelichtet, die 14-jährige Hauptdarstellerin Khomotso Manyaka steht erst mit dem Regisseur, dann allein vor der Fotowand. Es ist erstaunlich, wie ruhig sie wirkt in dem hektischen Blitzlichtgewitter.
Der Kinosaal ist riesig, vier Ebenen, die steil nach oben gehen, erzeugen eine gewisse Theateratmosphäre. Das Publikum ist erstaunlich gemischt: Vom exzentrischen Filmliebhaber über den feinen Anzugträger bis hin zu lachenden Kindergruppen.
Wer die Einladung zu der Premiere gelesen hatte, weiß, dass nun ein Film über das Leben von Chanda, einem jungen zwölfjährigen südafrikanischen Mädchen, gezeigt wird, das mit Aids, Armut und Ausgrenzung in der Dorfgemeinschaft umgehen muss. Es ist kein leichtes Thema, was hier verfilmt wird. Der Film beginnt mit dem Tod der kleinen Schwester Chandas. Niemand sagt genau was passiert ist, aber es steht der Verdacht im Raum, das der Säugling an Aids gestorben ist und die Mutter somit ebenfalls infiziert ist. |
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Der Film macht es jedoch von Beginn an erstaunlich leicht, in diese fremde Welt abzutauchen. Mit ausgesprochen schönen Bildern wird eine Geschichte erzählt, die einem des Öfteren den Atem stocken lässt. Man ist auf einen sonderbare Weise gebannt von dieser Brutalität des Lebens, die dort in ästhetischen Bildern dem Zuschauer näher gebracht wird.
Die Trauer der Protagonisten ist fühlbar und gut verständlich, man wird sanft in diese kleine Welt im Township von Chanda reingezogen. Der Film ist aber trotz seines ernsten Themas nie eintönig oder trist. All den schlimmen Dingen, mit denen Chanda sich konfrontiert sieht, steht sie mit ihrer Klugheit und ihrem Mut entgegen. Es ist ein Kampf, jedoch ohne übertriebene Dramaturgie, der dort geführt wird. Ein Kampf gegen die ausgrenzende Dorfmentalität, die Tabuisierung von Aids, der Angst der Menschen und der Armut. Ob er am Ende gewonnen wird, soll hier offen gelassen werden. Es ist auf jeden Fall ein Ende, der im Rückblick auf die Handlung den richtigen Ton trifft. Und einen mit gemischten Gefühlen aus dem Kino gehen lässt. Man ist beeindruckt und bedrückt von einer Welt, die nicht nur dort im Film existiert, sondern auch real in Südafrika.
Eine Welt, in der Trauer und Freude, Selbstaufgabe und Hoffnung nah beieinander liegen und das Leben in einer seltsam schönen Brutalität passiert. Der deutsche Titel des Films „Geliebtes Leben“ kann ein wenig in die Irre führen, da sich diese Frage, ob es geliebt wird oder nicht, so gar nicht stellt. Vielmehr ist es einfach da, in seiner Hässlichkeit wie in seiner Schönheit. Und darum ist vielleicht der englische Originaltitel passender: „Life, above all“.
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