Julia Harris (Tilda Swinton) ist vierzig - sie raucht, sie trinkt und wacht jeden Morgen in einem fremden Bett auf. Was manch einer augenzwinkernd als ausgewogenen Lebensstil bezeichnen könnte, ist kein Spaß. Tilda Swinton sieht als Julia erschreckend verlebt aus, das wird besonders am Morgen danach schonungslos offenbar. Sie verliert ihren Job und auch ihren nahezu einzigen Freund Mitch (Saul Rubinek), der sie vergebens ermuntert, sich den Anonymen Alkoholikern anzuschliessen.
Paradoxerweise ist es ein Mitglied genau dieser Selbsthilfegruppe, welches sie überredet, einen Jungen aus der Obhut seines millionenschweren Großvaters zu entführen und ein Lösegeld zu erpressen. Ohne wirklichen Plan, aber mit einem unerschöpflichen Fundus an Lügen für ihre Umgebung, entführt sie den 8-jährigen Tom (Aidan Gould). Schnell muss sie einsehen, daß das Kidnapping komplizierter ist als gedacht. Gejagt von der Polizei, flieht Julia mit dem aufgeweckten Jungen bis nach Mexiko und muss sich dort bald einer Gewissensfrage stellen.
Was sich vielleicht nach Komödie anhört, ist in Wirklichkeit das erschütternde Porträt eines Menschen, der durch seinen Lebensstil bereits alles verloren hat und dessen Beziehungen zu anderen Menschen nur auf Lügen aufbauen. Es bleibt ein Rätsel, wie der eher unbekannte französische Regisseur Erikh Zonka es geschafft hat, Tilda Swinton, Oscar-Preisträgerin 2008, für die Rolle der Julia zu gewinnen. Und Swinton gibt |
alles: Ihre Darstellung der alkoholkranken Julia könnte authentischer nicht sein und ist geradewegs oscar-verdächtig. Ohne jegliche Eitelkeit zeigt sie die ganze Erbärmlichkeit der Figur und scheut auch nicht zurück vor unvorteilhaften Nacktszenen.
Es ist der erste englischsprachige Film Erikh Zoncas, dem eine schlimme deutsche Synchronisation widerfahren ist, was dem Filmgenuss insgesamt leider sehr abträglich ist. Wer beabsichtigt, den Film anzusehen, dem sei dringend empfohlen nach Vorstellungen im Originalton Ausschau zu halten.
Die Filmüberlänge von insgesamt 138 Minuten ist ungerechtfertigt, z.B. werden die Umstände der Entführung in einer Ausführlichkeit behandelt, dass man Regisseur und Cutter gerne einen fragenden Blick zuwerfen würde. Es ist die Leinwandpräsenz der Hauptdarstellerin, die den Film über seine Länge rettet.  Tilda Swinton als Julia

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