Der UNO-Experte Heiner Flassbeck sieht in Deutschland die Gefahr einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung mit sozialer Sprengkraft. Der Wirtschaftsfachmann und Direktor bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) beklagte im Interview der Frankfurter Zeitschrift "Tribüne", in der Bundesrepublik sei die Teilhabe der Menschen am Wachstum verloren gegangen.
"In den letzten zehn, zwanzig Jahren verlief die Umverteilung sowohl von lohnpolitischer als auch staatlicher Seite aus weg von den Arbeitnehmern, weg von den ärmeren Bevölkerungsschichten, während die reicheren begünstigt wurden", kritisierte Flassbeck, der Ende der 90er Jahre unter dem damaligen Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine (SPD) Staatssekretär war. Das habe inzwischen zu einem gewaltigen Ungleichgewicht in der Gesellschaft geführt. Die Menschen seien "massiv verunsichert".
Dies birgt nach Einschätzung des Ökonomen die Gefahr, dass ein "altes Muster der Geschichte" geweckt werde: Man suche nach jemandem, der noch schwächer ist und der die Schuld an der eigenen Misere tragen müsse. Flassbeck warnte: "Solche Mechanismen dürfen wir nicht bedienen, dürfen solche Gedanken erst gar nicht aufkommen lassen, denn schon das ist ein brandgefährliches Spiel mit dem Feuer." Als einen möglichen Schritt, das gesellschaftliche Ungleichgewicht zu beheben, nannte der Wirtschaftsexperte die Einführung eines Mindestlohns. |
Auch mit Blick auf die Weltwirtschaft stellte Flassbeck Deutschland kein gutes Zeugnis aus. Der aktuelle Aufschwung stütze sich wie das ökonomische Wachstum der letzten zehn Jahre fast ausschließlich auf den Export. Das sei zu wenig. "Die Bundesrepublik muss sich wirtschaftlich auf beide Beine stellen, das heißt, zum starken Export muss eine starke Binnennachfrage kommen", wird Flassbeck zitiert.
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