Wilson Bentleys Gespür für Schnee ent- wickelt sich schon früh - während die anderen Jugendlichen durch das kleine Dorf Jericho in den Bergen von Vermont ziehen, sitzt der 15-jährige in einem ungeheizten Schuppen und blickt durch sein Mikroskop. Seine Mutter hat es ihm geschenkt.
Er betrachtet Wassertropfen, Blütenblätter, Vogelfedern und eben Schneeflocken: „Unter dem Mikroskop entdeckte ich, dass Schnee- flocken Wunderwerke von wahrer Schönheit sind. Und ich fand es jammer- schade, dass diese Schönheit nicht auch von anderen gesehen und gewürdigt werden konnte. Jeder Kristall war ein Meisterwerk der Formgebung. Und keine Form wiederholte sich.“
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Der Junge zeichnet die wundersamen Formen, die er sieht. Doch ihre Schönheit kann Wilson Bentley mit dem Bleistift nur schwer erfassen. Mutter und Sohn überreden deshalb den Vater, eine teure Balgenkamera samt Mikroobjektiv zu kaufen. Jahrelang experimentiert der junge Mann, bis ihm am 15. Januar 1885 die erste mikroskopische Aufnahme eines Schneekristalls gelingt: „Ich war versucht, neben dem Apparat auf die Knie zu sinken. Es war der größte Moment meines Lebens.“
Schneeflocken werden den damals 19-jährigen Farmer ein Leben lang begleiten. Mehr als 5300 Aufnahmen - immer mit Handschuhen und in eisiger Kälte - macht Wilson Bentley bis zu seinem Tod. Jedes Bild ist einzigartig.
Auf einem schwarzen Holztablett fängter die Schneeflocken. Die uninteressanten Exem- plare wischt er dann mit einer Feder beiseite. Die interessanten legt er mit einem Holz- stäbchen vorsichtig unter das Kameraobjektiv und bannt schnell die sechs- eckige Form auf ein Foto, bevor die Flocke schmilzt.
Nach 13 Jahren des einsamen Foto- grafierens in seinem Holzschuppen werden seine Bilder von einem Universitäts- professor entdeckt. Die Bilder erscheinen unter anderem in den Zeitschriften National Geographic und Scientific American und später auch in einem Buch. Der Mann, den die Dorfbevölkerung von Jericho für einen seltsamen Kauz hält, wird als „Schnee- flockenmann“ in ganz Amerika berühmt.
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